Hildesheimer Bläserphilharmonie begeistert im Theater am Aegi

Bericht und Fotos von Thomas Jäger

In diesem Jahr ist alles anders. Während zuletzt die Bläserphilharmonie Hildesheim (BPH) ihr Abschlusskonzert entweder in Hildesheim oder Alfeld aufführen konnte, musste sie in diesem Jahr in die Landeshauptstadt ausweichen. Ein dem Anspruch angemessener, repräsentativer Konzertsaal stand im Raum Hildesheim schlichtweg nicht zur Verfügung. Das Theater am Aegi in Hannover bot jedoch ein hervorragendes Ambiente und gleichzeitig für das sinfonische Blasorchester aus Hildesheim die Möglichkeit, auch ein neues Publikum zu erschließen.

Aber nicht nur der Aufführungsort war neu, auch am Dirigentenpult gab es eine Veränderung. Der bisherige Leiter der BPH, Henning Klingemann, konnte zusammen mit dem Orga-Team für dieses Jahr den renommierten Dirigenten und Musiker Walter Ratzek als Gastdirigenten gewinnen. Ratzek ist für seine Arbeit als ehemaliger Leiter des Ausbildungsmusikkorps der Bundeswehr und als Professor bekannt. Er ist international als Pianist, Gastdirigent und Workshopleiter tätig und war auch an vielen CD-Produktionen beteiligt. 1991 war er Gründungsmitglied des Sinfonischen Blasorchesters Hessen, von 2002 bis 2012 Präsident der deutschen WASBE-Sektion (= World Association for Symphonic Bands and Ensembles) und seit 2003 ist er Dirigent der Deutschen Bläserphilharmonie. Von 2016 bis 2020 war Ratzek Professor für Blasorchesterleitung am Konservatorium „Claudio Monteverdi“ Bozen.

In nur sieben Register- und Tuttiproben wurde Anfang des Jahres von den über 60 ambitionierten Musiker:innen mit Unterstützung von professionellen Dozenten ein anspruchsvolles Konzertprogramm erarbeitet, das nun dem erwartungsvollen Publikum in Hannover präsentiert wurde. Durch das Konzert moderierte fachkundig kompetent und kurzweilig Walter Ratzek höchstpersönlich, während dies in den vergangenen Jahren auch Musiker des Orchesters übernahmen.

Los ging es mit der „Kings Row Fanfare“, dem herrschaftlichen Hauptthema aus dem US- Filmdrama ‚Kings Row‘ aus dem Jahr 1942, einer Zeit, in der orchestrale Filmscores erstmals auf einem Album veröffentlicht wurden.

Mit den „Danceries“ des britischen Komponisten Kenneth Hesketh stand das erste größere Werk auf dem Programm. In vier Sätzen wurden darin Melodien aus historischen Volkstänzen verarbeitet. Nach sanft wiegenden Klängen folgte ein farbenfrohes, beschwingtes Scherzo mit durch das gesamte Orchester wandernden Themen. Im 3. Satz, einer zarten Pavane, brillierten dann einige Musiker mit solistischen Passagen, um schließlich in einem lebhaften Schlusssatz zu enden. Die Darbietung wurde mit großem Applaus honoriert doch der eigentliche Höhepunkt des ersten Konzertteiles kam erst in dem folgenden Stück.

Weltweit bekannt ist George Gershwins „Rhapsody in Blue“. Blues-Noten, Synkopen und Ragtime-Elemente werden darin mit der Form einer klassischen Rhapsodie kombiniert. In der speziell für Klavier und sinfonisches Blasorchester von Tohru Takahashi arrangierten Version spielte Ratzek den Solopart und nahm nach dem markanten Klarinetten-Glissando zu Beginn (wunderbar gefühlvoll: Emma Opitz) auf dem Klavierhocker Platz. Bei den eingestreuten freien Solopassagen zeigte Ratzek auch ohne Taktstock am Klavier seine ganze musikalische Brillanz, vernachlässigte aber dabei nicht die Orchesterführung. Wie auch bei den anderen Vortragsstücken fiel immer wieder die feine dynamische Abstufung unter den verschiedenen Registern auf, wodurch sich solistische Passagen gut entfalten konnten.

„Tangazo“ hieß das Eröffnungsstück des zweiten Konzertteils. Dunkel und mysteriös mit einer wandernden Linie in den tiefen Registern begannen Astor Piazzollas Variationen über Buenos Aires, die von einem lebhaften, rhythmisch prägnanten Tango durch kontrapunktische Linien und solistische Passagen geprägt sind und die Melancholie des traditionellen Tangos mit der Komplexität des Tango Nuevo und sinfonischen Elementen vereint.

Eine Herausforderung für die Musiker waren die folgenden vier sinfonischen Tänze aus Leonard Bernstein‘s West Side Story, gespeist aus dem musikalischen Material des Musicals und des 1961 entstandenen Films. Viele offene Stellen in den einzelnen Registern wechselten sich ab und verlangten höchste Konzentration, doch auch hier gaben sich die Amateurmusiker keine Blöße.

Das große Konzertfinale wurde schließlich mit dem britischen Geheimagenten 007 akustisch eingeläutet. Das ausufernde, 18 minütige Medley „Nobody does it better than James Bond“ wurde von dem aus Welzheim stammenden Arrangeur Jörg Murschinski perfekt auf die Besetzung von sinfonischen Blasorchestern zugeschnitten. Neben dem unverwechselbaren ‚James Bond Theme‘ schwebten die bekanntesten Melodien aus der Agentenfilmreihe originalgetreu durch den Saal und riefen viele Szenen aus den ikonischen Filmen ins Gedächtnis. Zu erwähnen sind hier die prächtig dargebotenen Soli von Andreas Buschau (Flügelhorn) und Manuel Bruns (Tenorsaxophon).

Die Bläserphilharmonie wurde mit großem Applaus vom Publikum gefeiert und so durften die Musiker die Theaterbühne nicht ohne eine Zugabe verlassen – eine gelungene Premiere also von der BPH mit ihrem Gastdirigenten Walter Ratzek in Hannover. Im nächsten Jahr geht es dann wieder mit dem Stammdirigenten Henning Klingemann zum Abschlusskonzert nach Alfeld. Den 21. Februar 2027 sollten sich Interessierte also schon mal vormerken.

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